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Ansicht von Grafendorf heute

gleiche Ansicht von Grafendorf, vermutlich um 1900

Kirche von Grafendorf heute

Tschechischer Name: Hrabětice

Fläche: 1.596 ha

Einwohner 1910: 1.555 in 291 Häusern (1.552 deutsch), 1930: 1.605 in 381 Häusern (1.430 deutsch), 2010: 895.

heutiger Verwaltungsbezirk: Znojmo (Znaim)

Matriken: seit 1784, davor ab 1676 bei Grusbach (Hrušovany nad Jevišovkou)

Lage und Ortsbeschreibung:

Die Seehöhe beträgt 200 m. Vom Kirchturm aus hat man einen weiten Blick ins Land. Im Nordosten grüßen die Pollauer Berge, rechts davon der Heilige Berg in Nikolsburg (Mikulov). Heidberg, Galgenberg und Wildendürnbach schließen im Osten den Horizont ab. Südöstlich erhebt sich aus der Ebene der Staatzer Berg mit seiner Burgruine. Im Süden sind die Leiser Berge mit dem Buschberg zu erkennen, im Südwesten die Groß-Tajaxer Kirche, das Joslowitzer Schloss (Jaroslavice Zamek) und der Buchberg bei Mailberg im Weinviertel, im Westen die Gegend bei Znaim (Znojmo) zu sehen. Im Norden sehen wir höher gelegene Weingärten. Die Thaya durchfließt in einer Länge von 5,5 km das Gemeindegebiet.
Das Dorfbild zeigt ein typisches Straßen-Angerdorf der frühen bairischen Besiedlungsepoche, wie auch das benachbarte Schönau (Šanov) mit dem es heute baulich zusammengewachsen ist. Nachbarorte sind neben Schönau im Westen Hrušovany nad Jevišovkou (Grusbach) im Norden, Jevišovka (Fröllersdorf) im Nordosten und Hevlín (Höflein an der Thaya) im Süden.

Geschichte:

1414 wurde das Dorf in einem Hardeggischen Urbar erstmals urkundlich erwähnt. Eventuelle frühere Aufzeichnungen sind leider nicht mehr vorhanden.

Das Dorf hatte wechselnde Besitzer: Von den Grafen Hardegg (1414) über die von Breuner (1623) bis zu den Althan (1668) und dem Geschlecht der Khuen (bis 1848). 1464 war der Ort als Bestandteil der Herrschaft Grusbach (Hrušovany nad Jevišovkou) urkundlich erwähnt. 1784 wurde die Pfarrkirche aus Mitteln des Religionsfonds vergrößert und zur Pfarrkirche von Grafendorf und Schönau (Šanov) erhoben.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Lauf der Geschichte (Hussitenkriege 1419 bis 1434, Dreißigjähriger Krieg 1618 bis 1648 und Napoleonische Kriege 1805 bis 1809) hatten der Bevölkerung von Grafendorf sehr zugesetzt. Aus dieser Zeit stammen wahrscheinlich auch die Erdställe, die man in Grafendorf gefunden hat.

Auch Naturkatastrophen bereiteten der Bevölkerung Probleme. So ging etwa 1838 und 1865 schwerer Hagel über dem Gebiet nieder und 1839 überstieg die Thaya ihre Ufer und überflutete Teile von Grafendorf. Zwei Cholera-Epidemien brachten im 19. Jh. zahlreiche Todesopfer (1855 und 1866).

1850 wurde Grafendorf selbständige Gemeinde im politischen Bezirk Znaim (Znojmo). Der zuständige Gerichtsbezirk war Joslowitz (Jaroslavice).

Nach dem Ersten Weltkrieg, durch den 45 Ortsbewohner fielen, kam Grafendorf im Jahr 1919 mit fast 100% deutschsprachigen Einwohnern zum neu gegründeten Tschechoslowakischen Staat. Die Prager Regierung versuchte durch Maßnahmen vermehrt tschechische Familien im deutschsprachigen Gebiet anzusiedeln und die deutsche Bevölkerung zu assimilieren. Stark eingeschränkt wurde der Nebenerwerb durch die Maßnahmen der tschechoslowakischen Regierung ab 1919. So wurde 1922 der letzte deutsche Postmeister entlassen. Die deutschen Eisenbahner wurden zum größten Teil abgebaut und durch tschechische Bedienstete ersetzt. Im Dezember 1937 gab es in Grafendorf 93 Arbeitslose.
Die aus der Monarchie ohnehin konfliktbelastete Beziehung zwischen Tschechen und Deutschen wurde so noch mehr strapaziert.

In der Zwischenkriegszeit kam es zur Elektrifizierung des Ortes (1930) sowie zur Regulierung der Thaya (1931) um die Gefahr des Hochwassers zu bannen.

Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde Grafendorf ab 1939 mit Schönau (Šanov) zur Gemeinde „Schöngrafenau“ zusammengeschlossen und blieb es bis 1945.

Der Zweite Weltkrieg forderte 58 Gefallene und 24 Vermisste unter der Grafendorfer Bevölkerung.

Vertreibung 1945/46:
Viele deutsche Grafendorfer flohen vor den nach Ende des Krieges und der Diktatur einsetzenden Vertreibungsexzessen über die ca. 3 km entfernte Grenze nach Österreich. Damals hofften sie noch, nach Abklingen der Aktionen wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.
An der Folge von Misshandlungen starben zwei Männer im Lager in Znaim (Znojmo). Einige weitere Grafendorfer wurden verhaftet und wegen Beschuldigung der Mittäterschaft am Nationalsozialismus zur Zwangsarbeit in Mährisch-Ostrau (Ostrava) in den Kohlengruben eingesetzt. Insgesamt kamen durch Flucht und Abtransport 40 Familien nach Österreich und 340 nach Deutschland. Je zwei Familien wanderten nach Kanada und in andere europäische Länder aus.

Nach Öffnung der Grenze und dem Ende des „Kalten Krieges“ 1989/90 konnten ehemalige Grafendorfer zum ersten Mal wieder in ihren Heimatort zurückkehren. Einige von ihnen ließen in der Ortskirche eine Gedenktafel anbringen und das Friedhofskreuz renovieren.

Wirtschaft und Infrastruktur:

Landwirtschaft: Die Landwirtschaft war die Haupteinnahmequelle der Bevölkerung. Begünstigt durch das Klima der Region war der Anbau sehr heterogen: auf 1.196 ha Ackerfläche wurden um 1900 Getreide, Feldfrüchte, Gemüse, Obst und Wein angebaut, wobei der Weinbau durch die Reblausplage von 1864 lange Zeit nicht praktiziert und erst seit 1925, allerdings nur im Eigenbedarfsrahmen, wieder aufgenommen wurde.
Der örtliche Gutshof hieß Trabinghof und bewirtschaftete ca. 300 ha.

Gewerbe: Daneben gab es auch eine erhebliche Anzahl von Handwerkern aller Berufe, so wie Bäcker, Fleischhauer und Gemischtwarenhandlungen. Nach und nach entwickelten sich Nebenerwerbsbauern durch die Teilbarkeit der Felder bei Heirat (was ursprünglich nicht der Fall war). Nebenerwerb gab es bei der Eisenbahn, in der Zuckerfabrik, am Ringofen (Ziegelofen) und auf den Meierhöfen, sowie als Pendler in Znaim (Znojmo).

Einrichtungen: Volksschule (erstes Schulhaus 1784, Neubau 1881 mit vier Klassen), Rathaus (1928), Postamt (1870, Postwagenverkehr zwischen Grusbach/Hrušovany und Joslowitz/Jaroslavice seit 1891, zum Bahnhof seit 1926), Raiffeisenkasse (1928), Telefonamt (1921), Isolierhaus, Hebammenhaus, Hirten- oder Halterhaus, Elektrifizierung (1930), Thaya-Regulierung (1931), Freiw. Feuerw. (1893), Milchgenossenschaft (1914), Landwirtschaftlicher Konsum Concordia, Jugendfürsorge.

Kulturerbe:

Pfarrkirche St. Anton v. Padua: aus 1698, umgebaut 1760. Hochaltar, zwei Seitenaltäre und Orgel um 1760. Vor der neuromanischen Kirchenfassade sechs Heiligenstatuen aus dem Schloßpark von Grusbach um 1700.

Bründlkapelle: 1831, südlich des Ortes. Dies war ein schöner Platz inmitten von Weingärten und Akazien. In einem aufgeschütteten Hügel (manche behaupteten, es sei ein Tumulus) befand sich eine Grotte mit Marien-Statue. Auf dem Hügel ein großes Kreuz. Um den Hügel herum ein Kreuzweg mit den 14 Stationen. Etwas abseits eine Kapelle. Dazwischen ein Brunnen, dem man nachsagte, dass er heilkräftiges Wasser enthalte. Zum „Bründl“ kamen auch Wallfahrer aus Probitz (Pravice), Frischau (Břežany u Znojma), Grusbach (Hrušovany nad Jevišovkou), Fröllersdorf (Jevišovka), Höflein (Hevlín), Groß Tajax (Dyjákovice) und Erdberg (Hrádek u Znojma).

Pfarrhaus von 1784

Siegel aus 1598:

Im Renaissanceschild kreuzt ein Pflugmesser ein leicht schräg gestelltes Messer, aus dem Schildrand wachsen fünf Eicheln (Beweis für den Gemeindewald?).

Besonderheit: Mundart:

Hier soll – stellvertretend für alle Orte der Region – ein kleiner Exkurs zum üblichen Sprachgebrauch in Südmähren erlaubt sein.
Bei den gesprochenen Dialekten handelte es sich um die sogenannte „ui- Mundart“. Dabei wurde „u“, im Gegensatz zu anderen Dialekten nicht als „ua“ sondern „ui“ ausgesprochen. Beispiele: „Kuih“ (Kuh), Muida (Mutter), Bluit (Blut), guit (gut), zvui (zuviel). Diese Sprechweise war in ganz Südmähren sowie in Teilen des Weinviertels („Loamgrui“ – Lehmgrube, Kellergasse in Unterstinkenbrunn), des Waldviertels, des Burgenlandes und der Steiermark verbreitet und verweist durch die damit gegebene bayrische Sprachverwandtschaft auf die gemeinsamen Wurzeln des urbayrischen Dialekts. Was die westlichen Südmährer (Znaim) von den östlichen (Nikolsburg) sprachlich unterschied war das Aussprechen des Doppelvokals „ei“ als „oa“ bzw. als „aa“. Die Grafendorfer gehörten zu ersteren und sagten z.B.: „alloa“ (allein), a Boa (Bein), „i moa“ (ich mein‘) – ähnlich dem heutigen bayrischen Dialekt. Die Nikolsburger hingegen sagten „allah“ (allein), „a Bah(n)“ (ein Bein), i ma(h)n (ich mein‘) – ein Dialekt, den auch die Wiener sprachen und sprechen und vielleicht auf fränkische Wurzeln verweist.

Persönlichkeiten:

  • Hans Landsgesell (*18.Mai 1929), Heimat- und Mundartforscher, Kulturpreisträger.

heimatkundliche Literatur:

  • Scholler, Johann: Heimatbuch der Gemeinde Grafendorf, 1950.
  • Scholler, Josef: Pfarrchronik von Grafendorf, 1981.
  • Obleser, Ludwig: Grafendorf von der Besiedlung bis zur Vertreibung, 1984.

Weblinks:

Genealogie:

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