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Neuhaus

Wappen

Schloss Neuhaus

Oberer Schlosshof

Tschechischer Name: Jindřichův Hradec

Fläche: 7.427 ha (heute)

Einwohner 1910: 10.108 in 748 Häusern (459 dt. Ew.), 1930: 10.467 in 1.155 Häusern (551 dt. Ew.), 2010: 22.460.

heutiger Verwaltungsbezirkes: Bezirkshauptstadt des Okres/Bezirkes Jindřichův Hradec (Neuhaus).

Matriken: seit 1705.

Lage:

Neuhaus war die Bezirksstadt an der Hauptstraße Prag – Wien und liegt auf 478 m Meereshöhe. Neuhaus wird von der Naser (Nežárka) und Waigerteich umflossen.

Geschichte:

Es darf angenommen werden, dass schon im 10. Jh. oberhalb der Naser (Nežárka) eine slawische Siedlung bzw. ein Burgwall existierte. In weiterer Folge kam das Areal im 12. Jh. in den Besitz der Witigonen. Ob sie eine bereits bestehende Burg übernommen oder eine neue gebaut hatten ist ungewiss. Im Jahr 1220 wurde erstmals eine Burg als „Novum castrum“ erwähnt. Sie lag am Kreuzungspunkt wichtiger Fernstraßen. Nach dem Tod Witikos von Prčice 1194 wurde die Herrschaft unter seinen Söhnen aufgeteilt, wobei Heinrich die Herrschaft Neuhaus erhielt (Heinrich I. von Neuhaus). 1223 wurde auch die Ansiedlung um die Burg erwähnt. Im Lauf des 13. Jh. änderte sich die Bezeichnung dreimal („Nova domus“, „Gradecz“, „Newenhaus“). Vermutlich ab 1410 wurde der Zusatz „Jindřichův“ verwendet, der auf den Namen „Heinrich/Jindřich“ verweist.

Das Patronatsrecht für die Pfarrkirche wurde 1237 von Heinrich an den Deutschen Ritterorden verliehen. Im Gegenzug war der Orden verpflichtet, ein Spital zu errichten. Seine Privilegien wurden unter dem Sohn Heinrichs, Witiko I., erweitert. 1269 ist eine Kommende des Ordens in Neuhaus belegt. 1293 wurde Neuhaus erstmals als Stadt erwähnt und 1294 ist eine jüdische Gemeinde nachweisbar.

Im 14. Jh. wurden Stadtplatz und Stadtbefestigung errichtet. Gleichzeitig wurde zu dieser Zeit Neuhaus auch Schauplatz der Inquisition, als der Templerorden und Minoriten dort gegen die Waldenser vorgingen. 1389 erhielten die Bürger durch die von Heinrich III. erteilten Stadtprivilegien viele Freiheiten.

In den Hussitenkriegen stellte sich die Neuhauser Herrschaft unter Ulrich V. zunächst auf die Seite der Taboriten. Unter Ulrichs Nachfolger, Meinhard, wurden die Hussitenheere zurückgedrängt. 1450 ging der Besitz des Ritterordens, der die Stadt zuvor verlassen hatte, an die Herrschaft Neuhaus über. Um 1457 ließen sich Franziskaner in der Stadt nieder, welche die Wenzels-Kirche und die Klosterkirche St. Katharina errichten ließen. Unter dem katholischen Heinrich IV. kam es 1467 zur erfolglosen Belagerung der Stadt durch die Heere des Georg Podiebrad. Hingegen wurde Neuhaus unter dessen Nachfolger, Vladislav II., das Privileg eines weiteren Jahrmarktes erteilt sowie das Stadtwappen erweitert und Heinrich zum Oberstburggrafen von Böhmen ernannt.

Im 16. Jh. wurde die Herrschaft Neuhaus unter den beiden Söhnen Adams I. aufgeteilt. Neuhaus übernahm Joachim, während dessen Bruder Zacharias das bis dahin zur Herrschaft gehörende Teltsch (Telč) bekam.
Unter Joachim erlebte Neuhaus eine Blütezeit. Er erteilte der Stadt großzügige Privilegien und ließ im ehemaligen Minoriten-Kloster ein weiteres Spital einrichten. Es war auch die Zeit der Reformation, in der sich unter Adam II. im späten 16. Jh. der lutherische Glaube in der Stadt verbreiten und sich die Böhmischen Brüder niederlassen konnten. Adam war katholisch, aber gegenüber den neuen Glaubensströmungen liberal eingestellt. Seine Frau Katharina hingegen setzte erste Schritte der Gegenreformation, in dem sie um 1594 ein Jesuitenkolleg in Neuhaus einrichten ließ.

1604 starb das Geschlecht der Neuhauser mit dem Sohn Adams in männlicher Linie aus. Durch die Heirat der Tochter Joachims, Luzie Ottilie, mit Wilhelm Slavata gelangte Neuhaus an dessen Familie. Diese unterstützte die aufständischen Adeligen 1618 wodurch die Stadt zunächst ihre Privilegien verlor. Nachdem 1625 die Pfarrkirche von Papst Urban VIII. zur Probstei erhoben wurde, bekam Neuhaus auch seine Privilegien wieder zurück. Gleichzeitig setzte die Gegenreformation durch die in der Stadt ansässigen Jesuiten ein. Ihr Gymnasium entwickelte sich zu einer bedeutenden Lehrstätte. Überhaupt hatte sich Neuhaus zu diesem Zeitpunkt zu einer der bedeutendsten Städte Böhmens entwickelt und war im 17. Jh. zur zweitgrößten Stadt nach Prag geworden. 1689 verlieh ihr Kaiser Leopold I. noch weitere Privilegien (Jubiläumsmarkt und Viehmärkte).

Die Bedeutung ging jedoch unter Czernin von Chudenitz zurück, der 1693 als Ehemann der Maria Josefa Slawata die Herrschaft erbte, sich jedoch vorwiegend in Wien und Prag aufhielt.
Im 18. Jh. wurde die Stadt in den Schlesischen Kriegen (Österreichischer Erbfolgekrieg) in Mitleidenschaft gezogen. 1773 wurde der Jesuitenorden aufgelöst und sein Gymnasium geschlossen. Im gleichen Jahr und 1801 wurden weite Teile von Neuhaus durch Brände zerstört. Beim Wiederaufbau wurden die meisten Abschnitte der ehemaligen Stadtbefestigung abgerissen. Zwischen 1824 und 1827 wurde die „Kaiserstraße“ von Wien nach Prag über Neuhaus gebaut. 1849, nach der Aufhebung der Grundherrschaften, wurde Neuhaus Hauptstadt des neu gegründeten gleichnamigen politischen Bezirkes. Stadt und Verwaltung waren um die Mitte des 19. Jh. eher tschechisch geprägt. 1875 wurde von der jüdischen Gemeinde eine deutsche Schule eingerichtet.

Neuhaus war zwar Schulstadt und Mittelpunkt der ´“Neuhauser Sprachzunge“, die weiter nach Norden reichte, wurde aber nicht zum geschlossenen deutschsprachigen Siedlungsgebiet gezählt.
Daher gehörte die Stadt 1938 nicht zu den im „Münchner Abkommen“ abgetretenen Gebieten und zu dem danach von den Nationalsozialisten geschaffenen Landkreis Neubistritz (Nová Bystřice). Neuhaus war somit bis 1945 politisch von seinem ursprünglichen Umland abgeschnitten. Es war von 1938 bis zum März 1939 Teil der Zweiten Tschechoslowakischen Republik, wurde dann im Zuge der Okkupation durch die Nationalsozialisten Teil des „Protektorats Böhmen und Mähren“ und bekam einen deutschen Regierungskommissar. 1940 wurde die Stadt in den Landkreis Teltsch (Telč) eingegliedert und unter die Verwaltung des Oberlandrats in Iglau (Jihlava) gestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der alte Verwaltungsbezirk wiederhergestellt und 1960 durch die aufgelösten Kreise Třeboň (Wittingau) und Dačice (Datschitz) erweitert.

Bereits 1950 wurde die Innenstadt unter Denkmalschutz gestellt. Eine umfangreiche Restauration erlebte sie allerdings erst nach 1989.

Wirtschaft und Infrastruktur:

Wirtschaftlich bedeutend waren seit dem 16. Jh. Tuchmacherei, Teichwirtschaft und Schafzucht. Aus der Tradition der Tuchmacherei entwickelte sich Neuhaus im 18. und 19. Jh. zu einem bedeutenden Ort der Textilindustrie.
In der Stadt gab es eine Gobelin-Manufaktur (von Marie Hoppe-Teinitzer gegründet) und mehrere Textilfabriken. Neben der Textilproduktion war auch die Lebensmittelindustrie (Herstellung von Sirupen und Spirituosen) von Bedeutung.

Es gab zahlreiche Handwerker, Handel, Schulen (Gymnasium) und ein Krankenhaus.

Erst seit 1887 hat Neuhaus einen Bahnhof mit Bahnverbindungen nach Iglau (Jihlava), Budweis (České Budějovice), Neubistritz und Obratein. Dieser späte Eisenbahnanschluss bremste neben anderen Faktoren auch die industrielle Entwicklung der Stadt.

Heute spielt auch der Tourismus eine wichtige Rolle. Vor allem die historische Altstadt ist sehr sehenswert und die zahlreichen kulturellen Einrichtungen locken viele Besucher in die Stadt. 1994 wurde eine Fakultät für Management der Südböhmischen Universität in Budweis (České Budějovice) eingerichtet, die heute zur Ökonomischen Hochschule Prag gehört.

Kulturerbe:

Neuhaus – Situation der Altstadt

Grundriß des Schlosses

Grundriß der Propsteikirche

Schloss: Die Burg wurde von den Slawata zu einem Renaissanceschloss umgebaut und reich mit Kunstschätzen ausgestattet. Das ihnen im Besitz nachfolgende Geschlecht der Grafen von Czernin, in deren Eigentum es bis zum Jahr 1945 verblieb, setzte den Ausbau fort und erweiterte vor allem den Kunstbesitz zu einer großartigen Gemäldegalerie. Diese umfasst nicht nur eine stolze Reihe von Ahnenbildern der Slawata und der Czernin, sondern auch viele religiöse Bilder von hohem Wert, wie etwa die „Neuhauser Madonna“, ein bedeutendes Werk aus der zweiten Hälfte des 14. Jh., ferner gibt es Schöpfungen von Karl Skreta und Peter Brandl. Architektonisch bedeutsam sind vor allem die „grünen Zimmer“ und das „Rondell“ genannte Lusthaus im Park (1592/97). Ebenso sehenswert sind Fresken, die außer biblischen Szenen einen ganzen Bilderzyklus um den „König Dazian“ darstellen. In der bis zur Renaissancezeit gut belegten Baugeschichte werden vor allem genannt: Joh. Maria Faconi, der Bildhauer Hans Maurer, Anton Cometa, Ulrich Dechsner (auch Töxner) aus Krumau; für Schlosserarbeiten Jakob Göringer; für Schnitzarbeiten Kilian Ludwitz, die Maler Raimund Paul und Georg Widtmann, Thomas Sperloch und Paul Zilbolz aus Linz.

St.-Johannes-Kirche und Minoritenkloster: Zweischiffige gotische Basilika, Chor mit Dreiviertel-Schluss und Niklaskapelle. 1608 wurde die Kirche den Jesuiten zugewiesen und zu Gottesdiensten für die Deutschen vorbehalten. Bemerkenswerte Fresken; schöner Hauptaltar mit Taufe Christi, Kopie nach Guido Reni von Schiller Karl Skretas; Mariahilfkapelle mit Altar von Georg Khisel. Zahlreiche Epitaphe.

Katharinenkirche und Franziskanerkloster: 1478 erbaute einschiffige Hallenkirche mit zwei Rundkapellen. Baumeister wahrscheinlich Franz de Carta aus Neuhaus. Hauptaltar mit Bild des Pilsner Malers Johann Herzog. Hl.- Kreuz-Altar um 1860 von Neumann aus Königseck erneuert. St.-Peter-Altar baute 1874 Mathias Neubauer, von dem auch eine Marienstatue stammt. Krippe mit schönen Figuren von Ferdinand Stufleser (1897). Die Glocke der hl. Barbara wurde 1673 von Joh. Bergl in Znaim (Znojmo) umgegossen. Im Kloster ein Bild des Johannes Capistranus von Th. Burk in Augsburg.

St.-Magdalenen-Kirche und Jesuitenkollegium: Diese Kirche dürfte die älteste in Neuhaus und schon vom Stadtgründer Heinrich I. errichtet worden sein. Nach Auflösung des Jesuitenordens wurde das Kloster zu einer Kaserne umgewandelt und die Kirche den Militärgottesdiensten zugesprochen. 1796 kamen Kirche und Kloster in den Besitz von Josef Ritter von Lilienborn (Besitzer der Herrschaft Frain), dessen Nachfolger sie dem Ärar (Staatsvermögen) verkaufte. Die Kirche ist als einschiffige Halle im Renaissancestil erbaut. Decke mit reicher Stuckierung, die an das Schlossrondell erinnert.

Propsteikirche zur Himmelfahrt Mariae: Dreischiffige gotische Hallenkirche mit langem Chor mit Fünfachtel-Schluss. Die Kirche wurde 1382/1397 erbaut. 1434 von den Taboriten verbrannt, wurde sie von Heinrich IV. von Neuhaus wieder hergerichtet. Besonders reiches Sternrippengewölbe zeigt die angebaute Marienkapelle mit bemerkenswerten Schlusssteinen (seit 1791 Spulirsch-Kapelle genannt). Die Kirche hat jetzt sieben Altäre, am Marienaltar eine sehr schöne Madonna aus Lindenholz. Ein Bild des hl. Johannes v. Nepomuk malte Leopold Kuppelwieser und ein Bild des hl. Josef einer seiner Schüler. Den Kreuzweg nach Zeichnungen von J. Führich Alois Petrack. Ein zehneckiger Taufstein aus rotem Marmor soll aus 1483 stammen, an der Basis ist die Jahreszahl 1525 eingraviert. 1784 baute der Orgelbauer Fr. Gartner die aus 1487 stammende Orgel um; die jetzige Orgel stammt von Karl Schiffner. Zinnsärge der Herren von Neuhaus wurden 1782 eingeschmolzen. Von 2 Särgen, die von dem Znaimer Zinngießer Gottfried Jenisch angefertigt waren, haben sich Zeichnungen erhalten. Unter einigen Epitaphen ist das des Joachim von Neuhaus (1565) bedeutsam. Die jetzigen vier Glocken (Salvator-, Maria-, Johannes- und Totenglocke) wurden alle 1815 von J. A. Perner in Budweis gegossen.

Friedhofkirche zur HI. Dreifaltigkeit: 1590/94 in gotischem Stil erbaut und später durch einen Kuppelanbau (Pirchankapelle) erweitert. Der Chor ruht auf zwei romanischen Säulen mit der fünfblättrigen Rose im Kapitell, die aus der alten Magdalenenkirche stammen dürften. Besonders bemerkenswert der Altar in der Pirchankapelle (deutsche Renaissance); zahlreiche Epitaphe.

Friedhofskirchlein St. Wenzel: Einschiffige Hallenkirche; Presbyterium mit Fünfachtel-Schluss. Erste Erwähnung 1399. Zahlreiche Epitaphe; zwei Glocken, 1838 von A. J. Perner in Budweis gegossen.

Seminar und St.-Veit-Kapelle: 1625 auf Geheiß von Katharina v. Montfort und ihrer Schwiegertochter, Maria Maximiliane von Hohenzollern, erbaut und reich ausgestattet. Der Barockaltar der Kapelle St. Veit wurde von dem Kunstschnitzer Wolfgang Eck aus Eger errichtet.

Stadtkern: Außer dem alten Rathaus sind in der Stadt zahlreiche Häuser aus der Gotik und Renaissance erhalten; auf dem Hauptplatz steht eine Dreifaltigkeitssäule (1764/68).

Persönlichkeiten:

  • Kurt Adler (* 1. März 1907; †21. September 1977 Butler NJ/USA), Kapellmeister (Staatsoper Berlin), Dirigent (Metropolitan Opera New York).
  • Martin Aumüller (*1697 Mainhinz; †11. Juni 1757 Neuhaus), Bildhauer und Holzschnitzer.
  • Karel Berman (*14. April 1919; †11. August 1995 Prag), Opernsänger (Bass) und Komponist.
  • Ottilie Bibus (*5. Mai 1863; †14. Mai 1941 St. Andrä-Wördern/NÖ), Schriftstellerin.
  • Franz Brusch (*1767; †15. Mai 1809 bei Thorn), Oberst und Generalstabschef des 7. Armeekorps in den Napoleonischen Kriegen.
  • Ernst Gamillscheg (*28. Oktober 1887; †18. März 1971 Göttingen), Romanist und Sprachwissenschaftler.
  • Adalbert Josef Lidmansky (* 12. April 1795; † 23. Juli 1858 Klagenfurt), Bischof von Gurk.
  • František Daniel Merth (*18. Oktober 1915; †11. April 1995 Strašín), katholischer Priester und Dichter.
  • Adam Václav Michna z Otradovic (*um 1600; †2. November 1676), Dichter, Organist und Komponist.
  • Stefan Prowazek (* 12. November 1875; † 17. Februar 1915 Cottbus), Zoologe, Flecktyphusforscher.
  • Hans/Hanuš Schwaiger (* 28. Juni 1854; † 17. Juni 1912 Prag), Maler, Graphiker und Pädagoge.

heimatkundliche Literatur:

Hadam, Hans: Geschichte der ehemaligen Herrschaft Neuhaus, 1979.

Weblinks:

Genealogie:

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