Menü

Pohrlitz

Ansicht von Pohrlitz um 1900

Die Pfarrkirche St. Jakob

Die Bürgerschule

Das Deutsche Haus

Tschechischer Name: Pohořelice

Fläche: 2.954 ha

Einwohner 1910: 3.518 in 458 Häusern (3.119 dt. Ew.), 1930: 4.290 Ew. in 610 Häusern (1.210 dt. Ew.), 2011: 4.595.

heutiger Verwaltungsbezirk: Brno-venkov (Brünn-Land)

Matriken: seit 1669.

Grundbücher: seit 1576.

Geschichte:

Pohrlitz wird zum ersten Mal 1222 urkundlich erwähnt und erhielt 1350 das Stadtrecht. Bereits 1231 erhielt der Ort mehrere Privilegien von König Wenzel I.
Noch vor 1350 erhielt Pohrlitz außerdem das Stadtrecht. Während der Hussitenkriege wurde die Stadt in den Jahren 1425/26 erobert. 1442 wurden die Stadtmauern abgetragen.

1512 erhielt Wilhelm II. von Pernstein die Königsstadt „Borlitz“ als erblichen Besitz.
Im 16. Jahrhundert etablierten sich einige reformatorische religiöse Gemeinden (unter ihnen die Täufer) und der lutherische Glaube in der Stadt. Erst 1673 wurde wieder ein katholischer Pfarrer eingesetzt. Während dieser ganzen Jahrhunderte beherbergte die Stadt eine relativ große jüdische Gemeinde, was die religiöse Vielfalt der Stadt verdeutlichte. Diese alteingesessene jüdische Gemeinde wurde im Jahr 1919 durch die Vereinigung mit der christlichen Gemeinde aufgelöst.

Ende des 16. Jh. gelangte Pohrlitz in den Besitz von Friedrich von Zierotin (Žerotín). Seit dem 16. Jh. ist auch der tschechische Name Pohořelice geläufig. 1620 wurde der Ort im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges von kaiserlichen Truppen zweimal geplündert und gebrandschatzt. Im Zuge der Rekatholisierung wurde die Täufergemeinde ausgewiesen.
Im Jahr 1645 wurde Pohrlitz wiederum von schwedischen Truppen geplündert. Die Soldaten schleppten die Pest ein. Von 500 Einwohnern blieben schließlich nur 44 übrig.
1667 wurde bei einem Stadtbrand die Kirche schwer beschädigt. 1714 wurden alle Gebäude um die Kirche abgetragen um ein Übergreifen von Bränden auf die Kirche zu verhindern.

Bereits im Mittelalter führte die Haupthandelsverbindung von Brünn nach Wien durch den Ort. 1663 wurde eine Poststation eröffnet.
Die „Kaiserstraße“, deren Bau 1727 begonnen worden war, führte daher ebenfalls durch Pohrlitz.
Während des „Östereichischen Erbfolgekrieges“ hielt sich 1742 der preußische König Friedrich II. längere Zeit in Pohrlitz auf.
Pohrlitz gehörte zur Herrschaft Seelowitz (Židlochovice) und kam daher mit dieser 1746 an Leopold von Dietrichstein.

Die ab 1804 gebaute Straße nach Znaim führte durch Pohrlitz. 1805 wurde der Ort von französischen Truppen besetzt und geplündert. Napoelon bezog selbst für eine Nacht Quartier. 1806 zerstörte ein Brand um die 100 Häuser sowie die Synagoge und das Wirtshaus. 1809 wurde Pohrlitz wiederholt von den Franzosen besetzt.

1819 wechselte die Herrschaft an den Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen. Aber diese war nur von kurzer Dauer, da bereits 1822 Erzherzog Karl, der Sieger von Aspern, in den Besitz der Herrschaft Seelowitz gelangte und seit diesem Jahr verblieb Pohrlitz bis in das Jahr 1918 im Besitz des Kaiserhauses.
Durch Tauwetter schwoll der Fluss Igel (Jihlava) im Jahr 1845 so stark an, dass er in Pohrlitz drei Brücken mitriss. Nach der Aufhebung der Patrimonialherrschaften bildete Pohrlitz ab 1850 eine Stadtgemeinde zunächst in der Bezirkshauptmannschaft Auspitz (Hustopeče) und war dem Gerichtsbezirk Groß Seelowitz (Židlochovice) zugeordnet. Ab 1901 war Pohrlitz selbst Sitz des Bezirksgerichtes im Bezirk Nikolsburg (Mikulov).

Nach dem Ersten Weltkrieg, als Pohrlitz Teil der Tschechoslowakei geworden war, wurden tschechische Legionäre im Ort stationiert und ein Invalidenheim eingerichtet, ein Umstand, der Auswirkungen auf die kommende Gemeindewahl hatte. Während einer Assentierung deutscher Burschen und einer Ansprache von Georg Hanreich kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern und radikalnationalen Tschechen. Dabei kam es zu Gewalttätigkeiten. Infolge fanden immer wieder Demonstrationen seitens der deutschen Bevölkerung statt. Am 18. Februar 1920 wurden bei einer Demonstration zwei Jugendliche getötet, als tschechisches Militär das Feuer auf die Menge eröffnete.

Um die Bürgerschule zu erhalten wurden alle umliegenden Ortschaften verpflichtet, ihre Kinder ab dem 6. Lebensjahr in die Schule nach Pohrlitz zu schicken.

Nach der Angliederung an den „Reichsgau Niederdonau“ 1938 im Deutschen Reich unter NS-Herrschaft wurden alle Juden vertrieben, ihre Synagogen zum Abbruch freigegeben und die tschechischen Schulen aufgelöst. Dokumentiert ist die Geschichte und das Schicksal der jüdischen Familie Haas aus Pohrlitz, deren Angehörige zwischen 1939 und 1945 in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern (Theresienstadt, Lublin, Riga, Mauthausen und Auschwitz-Birkenau) ermordet wurden. Eine Gedenktafel für die Opfer des Faschismus und ein Gedenkstein mit den Namen der Opfer der Familie Haas wurden nach 1945 auf dem jüdischen Friedhof in Pohrlitz aufgestellt.

Ein Luftangriff am 4. April 1945 forderte drei Tote unter den Bewohnern von Pohrlitz. Gegen Ende des Krieges kamen Flüchtlinge aus Schlesien und Siebenbürgen. Ihnen schlossen sich am 9. April 150 Personen aus Pohrlitz an. Zwischen dem 18. April und 17. Mai kam es in Pohrlitz zu erbitterten Kämpfen zwischen Wehrmacht und Roter Armee. Am 18. Mai wurde der Nordteil von den sowjetischen Truppen eingenommen, erst am 7. Mai die restliche Stadt. Der Zweite Weltkrieg forderte rund 100 Opfer aus der Stadt.

Vertreibung 1945/46:
Viele deutsche Pohrlitzer flüchteten vor den einsetzenden Nachkriegsexzessen über die Grenze nach Österreich. Ab April 1946 wurden die noch Verbliebenen in Transporten nach Deutschland vertrieben. Im Ort durften nur ca. 100 deutsche Einwohner bleiben. Von den nach Österreich Geflohenen oder Vertriebenen konnten ca. 200 dort bleiben während der Rest nach Westdeutschland abgeschoben wurde.

Vom 31. Mai, dem Fronleichnamstag, bis 18.Juni 1945 stand Pohrlitz im Mittelpunkt der Vertreibung der Brünner Deutschen die nicht zuletzt gerade wegen der Ereignisse in Pohrlitz als „Brünner Todesmarsch“ bekannt geworden war (zur Geschichte siehe unter Brünn/Brno). Gegen Abend erreichte man im strömenden Regen eines Gewitters Pohrlitz, wo man die Menschen in leere Lagerhallen mit Betonboden und kaputten Dächern trieb.
Schon am nächsten Tag brach die Ruhr aus, so dass Tausende nicht mehr weiter konnten und an Ort und Stelle nach kurzer Zeit verstarben. Sie wurden in Schichten in vorhandene Panzergräben geworfen und mit Chlorkalk überstreut. Nach Augenzeugen starben täglich 70 bis 100 Menschen, da außer schwarzem Tee keine Behandlungsmöglichkeiten vorhanden waren. Das Lager wurde von rumänischen Söldnern bewacht, die bei Nacht auch sowjetische Soldaten einließen, welche Frauen neben ihren Kindern vergewaltigten. Die noch Gehfähigen waren am 1. Juni weiter in Richtung Nikolsburg (Mikulov) und Grenze getrieben worden, wo sie am Abend im Niemandsland sich selbst überlassen blieben, wobei bei vielen erst hier die Ruhr zum Ausbruch kam.
186 Personen liegen im ersten Massengrab in Drasenhofen, weitere 12 Massengräber mit insgesamt etwa 800 Toten gibt es in den Orten entlang der Brünner Straße bis nach Wien. Solche Massengräber existieren auch in den Orten des Bezirkes Nikolsburg (Mikulov) auf südmährischer Seite. In Pohrlitz selbst wurden zuletzt auf einem freien Feld an der Reichsstraße 890 laut Totenbuch belegte Bestattungen vorgenommen. Seit 1992 erinnert ein Gedenkkreuz daran, welches Paul Lochmann, der selbst als Fünfzehnjähriger am „Brünner Todesmarsch“ von Mödritz (Modřice) aus teilgenommen hatte, herstellen ließ. Am 18. Juni 1945, drei Wochen später, wurde das Lager Pohrlitz aufgelöst und die Verbliebenen, zum Teil sterbend, in einer Thaya-Au bei Laa ausgesetzt, die übrigen auf das Gut Neu Prerau und das Lager Muschelberg bei Nikolsburg (Mikulov) verteilt, wo es zu weiteren Todesfällen kam, denen keine würdige Bestattung folgte. Ein ausführlicher Bericht über die Ereignisse ist unter der Ortsbeschreibung von Brünn (Brno) zu finden.

Pohrlitz nach 1945:
Bis 2006 gehörte Pohrlitz zum Okres Břeclav (Bezirk Lundenburg). Seit 2007 ist die Stadt Bestandteil des Bezirkes Brno-venkov (Brünn-Land).

Zu Pohrlitz gehören heute die Ortschaften Nová Ves (Mariahilf), Smolín (Mohleis) und die Ansiedlung Velký Dvůr (Großhof).

Wirtschaft und Infrastruktur:

Landwirtschaft: Anbau von Zuckerrüben, Mais, Kartoffeln, Getreide, Raps, Klee, Gemüse und Obst (Zwetschken und Birnen). Die Anbaufläche betrug um 1900 immerhin 2.258 ha von insgesamt 2.954 ha Gemeindefläche. Die zweitgrößte Fläche entfiel mit 370 ha auf Waldgebiet.

Gewerbe: Zuckerfabrik (1873), drei Ziegeleien, zwei Mühlen, Schrotmühle, Milchsammelstelle und zwei Molkereien. In Heimarbeit wurden vor allem im 19. Jh. Netzhandschuhe, Tonwaren und Webstoffe hergestellt. Für die jüdischen Pohrlitzer gab es auch eine Matzesbäckerei.
Es gab Hotels und mehrere Gaststätten sowie ein florierendes Kleingewerbe (darunter auch Fotograf, Uhrmacher, Glaser, Gärtner, Buchbinder, Fahrradmechaniker, Dachdecker und einen Sodawasservertrieb).
Im Getreide- und Viehhandel waren vor allem die jüdischen Pohrlitzer tätig.

Einrichtungen: Stadtbücherei, Spital und Pflegestation (1881), Armenhaus, Invalidenheim (1919-1938), Theater, Kino (1925) im Rathaussaal, Eislaufplatz, Sportplatz, Postamt (Station seit 1663), Straßenmeisterei, Steueramt, Notariat, Sitz des Bezirksgerichtes (zuständig für 19 Gemeinden), medizinische Versorgung durch Ärzte (Praktische, Zahnarzt) und Tierarzt sowie eine Apotheke (1822), Rechtsanwälte, Architekten, Freiwillige Feuerwehr (1874), Molkereigenossenschaft, Lagerhausgenossenschaft.

Schulen: Volksschule (Unterricht im Ort seit 1592, Schulgebäude 1784, 1833 und letzter Neubau 1887/88 bzw. 1920), Bürgerschule (1907), wirtschaftliche Schule (ab 1939), Berufsschule (1908), Landwirtschaftliche Winterschule (1888/89), jüdische Schule (1835, 1901), tschechische Bürgerschule (1919), Kindergarten (1882).

Kulturerbe:

Propsteikirche St. Jakob: Frühgotische dreischiffige kreuzrippengewölbte Hallenkirche aus dem Ende des 13. Jh. Der frühgotische Westturm wurde im 16. Jh. erweitert mit einem Wehrgang auf Kragsteinen, zurückspringendem achteckigem Aufbau und laternenbekrönter Haube. Südliches Seitenschiff und Sakristei vom Brünner Baumeister Ruprecht, der Chor 1714 neu gewölbt. An den Wänden des Mittelschiffs haben sich frühgotische Malereien erhalten: Tod Mariens, Heilige bez. 1323; Rankenfries Anfang 14. Jh. Sakramentsnische im Chor um 1300. Zwei Heiligenstatuen vom Anfang des 18. Jh. Figurengrabsteine 15. und 16. Jh. Einrichtung neugotisch. Schöner Kreuzweg von Franz Richter 1845. Altarbilder „Auferstehung Christi“, „Sendung des HI. Geistes“, „Geburt Christi“ von Johann Georg Gutwein auf dem Dachboden des Pfarrhofes wieder gefunden.

Synagoge: Für die jüdische Gemeinde in Pohrlitz, die ihr Entstehen der Sage nach bis ins 10. Jahrhundert zurückführt (Raffelsstatter Zollordnung), wurde im Jahr 1855 anstelle des baufällig gewordenen alten Tempels vom Brünner Baumeister Muschel eine neue große, sowohl innen wie außen sehr aufwändige Synagoge gebaut. Sie wurde von den Nationalsozialisten 1938 verwüstet und abgebrochen. Außer der großen Synagoge besaß die Pohrlitzer Gemeinde ein Bethaus für den Winter, ein rituelles Bad und eine Religionsschule.

Kaiser-Joseph II.-Denkmal, 1892, 1919 abgerissen.

Wappen und Siegel:

Das älteste Stadtsiegel (Urkunde von 1378) zeigt innerhalb der Umschrift „SIGILLVM CIVIVM DE PO…“ einen gotischen Schild mit einer Zinnenburg mit drei Türmen über einem spitzbogigen Tor wobei der mittlere Turm höher als die beiden anderen ist. Als Wappen wurde der dreieckige Schild in barocker Form von 1681 geführt, auch wenn die Stadt nie offiziell ein Wappen verliehen bekommen hatte. Darauf ist die vom Siegel bekannte silberne Zinnenburg mit allerdings drei gleich hohen Türmen zu sehen – ursprünglich auf blauem Hintergrund, später wurde ein roter Hintergrund festgelegt.

Persönlichkeiten:

  • Karl Beuerle (* 24. April 1860 Großhof bei Pohrlitz; † 4. Januar 1919 Linz), Jurist, Wirtschaftspionier, Politiker (Deutschnationaler), 1890-1919 Mitglied des oberösterreichischen. Landtages, 1901-1907 Reichstagsabgeordneter, 1917 Mitglied des Herrenhauses.
  • Eugen Beyer (*18. Februar 1882, † 25. Juli 1940 Salzburg), Feldmarschalleutnant im Ersten Weltkrieg und General der Infanterie im Zweiten Weltkrieg.
  • Jakob Fischer (*20. August 1849, † 4. Dezember 1933), Musikpädagoge, Komponist.
  • Franz Nosek (*29. September 1840, † 21. Oktober 1924), Abgeordneter des mährischen Landtages, Heimatforscher.
  • Joseph Pfann (*18. Dezember 1840, † 17. August 1932 Pohrlitz), Heimatforscher
  • Franz Rund (* 27. Juni 1853; † 4. Dezember 1933 Pohrlitz), Abgeordneter des mährischen Landtags, Bürgermeister von Pohrlitz 1892-1919.

heimatkundliche Literatur:

  • Jun, Wilhelm: Häuser- und Familienverzeichnis Pohrlitz 1945. 1999.
  • Nosek, Franz/Jun, Wilhelm: Geschichte von Pohrlitz. 1995.
  • Nováèek, Sylvestr: Mikulovsko a Pohořelicko od nástupu nacismu k osednému Mnichovu, 1960
  • Sellner, Eduard/Sellner, Hugo/Doffek, Alois: Geschichte von Pohrlitz. 1978.
  • Pohrlitz Info 1/2006, Jahrgang 8 Nr. 15, „Der Judenfriedhof in Pohrlitz“ und „Die jüdische Familie Haas“, S. 12 – 18.
  • Stadt Pohrlitz Pohořelický Zpravodaj, 1994–1998.
  • Stadt Pohrlitz Pohořelický Zpravodaj, 1999–2002.

Weblinks:

Genealogie:

zurück zum Ortsnamenverzeichnis deutsch, zurück zum Ortsnamenverzeichnis tschechisch