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Rudolf_Kassner

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Rudolf Kassner wurde am 11.September 1873 in Groß Pawlowitz (Velké Pavlovice) bei Ausptiz (Hustopeče) geboren.

Kassner war das siebente von zehn Kindern des Gutspächters und Zuckerfabrikanten Kassner.
Mit neun Monaten erkrankte er an Kinderlähmung, was ihn zu einer lebenslangen Gehbehinderung verurteilte. Er wuchs in einer streng katholischen Umgebung auf. Seine Schulbildung erlangte er durch einen Hauslehrer. Er studierte Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie in Wien und in Berlin (wo er unter anderem Vorlesungen des völkischen Historikers Heinrich von Treitschke hörte). Kassner kehrte nach zwei Semestern in Berlin wieder nach Wien zurück. Wie es heißt, war ihm die „preußische Strenge“ fremd. Bei Jakob Minor in Wien promovierte Kassner mit der Dissertation: „Der Ewige Jude in der Dichtung“ in welcher er sich mit der Verwendung der antijudaistischen Legende des „ewig wandernden Juden“ in der Lyrik und Dichtung befasste.

Trotz seiner Behinderung durch die Kinderlähmung begab sich Kassner auf Reisen nach Russland, Nordafrika und Indien. Daneben lebte er auch in Paris, London und München.

1897 begab sich Kassner auf Studienreise nach England, wo er die Begeisterung für die Symbolisten und Essayisten entdeckte. Sein erstes Werk, „Die Mystik, die Künstler und das Leben“ erschien 1900 („Englische Dichter“ in der zweiten Auflage).
Seine ersten Schriften wurden von den Fin de Siècle-Künstlern wohlwollend aufgenommen.

Zu seinen engsten Freunden zählten Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke, die er Anfang des 20. Jh. kennenlernte. Rilke lebte zuletzt wie Kassner in Siders (Sierre) im Kanton Wallis in der Schweiz.

Von 1900-1906 gehörte Kassner allerdings auch zu den regelmäßigen Mitgliedern des Wiener Zirkels um den Schriftsteller, Rassentheoretiker und Antisemiten Houston Stewart Chamberlain, von dem sich Kassner später distanzierte.
Trotz dieser jugendlichen Begeisterung für Leute wie Chamberlain und Treitschke und verborgener abwertender Stereotype in manchen Werken trat Kassner nie antisemitisch auf. Zudem heiratete er eine Jüdin.

Kassner gilt in der Welt der Philosophie als schwer einzuordnen. Seine Ansichten und Ziele lassen sich zuletzt mit jenen eines Jean Paul Sartre oder Teilhart de Chardin vergleichen. Die Schriftstellerin Ilse Tielsch beschreibt ihn als „in erster Linie Physiognomiker“ und „bedeutenden Schriftsteller“, der in seinen Überlegungen dem Begriff der Einbildungskraft „eine neue bedeutende Schlüsselposition“ zuweist (siehe Aufsatz von Ilse Tielsch in Südmährisches Jahrbuch, Jg. 1998, S. 39). Er sieht die Einbildungskraft als wichtigste menschliche Fähigkeit, die für ihn „lebendige Anschauung“ bedeutet. Da seine Werke oft auch mystischen Hintergrund hatten, kann Kassner auch als Antirationalist bezeichnet werden.
Er kritisierte in seinen Werken den „modernen Menschen der Masse“, der zur „bloßen Zahl“ wird.
Politische Tendenzen lassen sich aus Kassners Werken ebenfalls schwer herauslesen. Auch wenn vieles in seinen Schriften der Strömung der „Konservativen Revolution“ nahe stand galt er auch als früher „Europäer“, der die verschiedenen Ethnien Europas zu charakterisieren versuchte, ohne dabei jenes zu welchem er sich zählte, überzubewerten. Im Gegenteil kritisierte er nicht selten die Deutschen.
In seinen späteren Werken griff er auch Motive des Buddhismus und Hinduismus auf.

Neben seiner philosophisch-schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete Kassner auch als Übersetzer. Dabei übertrug er Werke von Dostojewski, Puschkin und Gogol sowie Dialoge von Platon in die deutsch Sprache.

Die Verbreitung seiner Schriften wurde 1933 im Deutschen Reich durch die Nationalsozialisten offiziell verboten. Dennoch erschienen seine Bücher weiterhin im Insel Verlag, etwa das „Buch der Erinnerung“ (Leipzig 1938). Aus dem gleichen Grund wie 1933 und wohl auch, weil er mit einer Jüdin verheiratet war, wurde ihm nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938 Schreib- bzw. Publikationsverbot erteilt. Seine Frau war mit Hilfe von Hans Carossa aus Österreich geflohen.
1945 übersiedelte Kassner in die Schweiz. Dort hielt er an der Universität Zürich Vorlesungen.

Rudolf Kassner starb am 1. April 1959 in Siders (Sierre)/Kanton Wallis.

Literatur:

  • Neumann, Gerhard; Ott, Ulrich (Hrsg.): Rudolf Kassner: Physiognomik als Wissensform. Freiburg im Breisgau: Rombach 1999.
  • Schmölders, Claudia: Die konservative Passion: über Rudolf Kassner, den Physiognomiker, in: Merkur 49 1995, H.12, 1134/1140
  • Stammen, Theo: „Rudolf Kassner: ‚Das neunzehnte Jahrhundert – Ausdruck und Größe‘ (1947)“, in ders.: Literatur und Politik. Würzburg: Ergon 2001.
  • Tielsch-Felzmann, Ilse: Rudolf Kassner, in: Südmährisches Jahrbuch, Jg. 1998, S. 37-40.

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