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Geschichte Südmährens und der deutschen Südmährer

Die älteste bekannte Südmährerin – die „Venus von Wisternitz / Dolní Věstonice“ (zwischen 27.000 und 23.000 v.Chr.) Replik ausgestellt am Südmährerhof, Original im Mährischen Landesmuseum in Brünn/Brno.

Weg durch die gemeinsame Geschichte
Geschichte Südmährens bis 1918

Die Geschichte Österreichs ist mit der Geschichte Mährens aufs engste verbunden.
Beide Länder lagen seit dem Mittelalter an der Peripherie des Heiligen Römischen Reiches. Mähren war Lehen des Königreiches Böhmen. Es wies bei tschechischer Bevölkerungsmehrheit einen breiten deutschsprachigen Grenzsaum sowie viele Städte mit deutscher Bevölkerungsmehrheit auf. Die im 12. und 13. Jahrhundert ins Land gerufenen deutschen Siedler sprachen die Dialekte ihrer fränkischen, sächsischen, bayrischen oder wie in Südmähren österreichischen Nachbarregionen. Die deutschen Siedler brachten Handwerk und Handel ins Land.
Ins Thayaland, nach Südmähren kamen die ersten Siedler ab 1150, um die bis dahin unbesiedelten Thayaauen zu kolonisieren.

Besonders eng gestalteten sich die Beziehungen zum Reich ab 1310, als das deutsche Geschlecht der Luxemburger auch in Böhmen residierte. Prag war bis 1439 Hauptstadt und Zentrum des Reiches. Höhepunkt dieser Epoche war die Regierungszeit Karl IV., der 1348 die erste Universität nördlich der Alpen in Prag gründete.

1526 fielen Böhmen, Mähren und Schlesien an die Habsburger, behielten aber ihre Selbstständigkeit, auch in den damals zentralen Glaubensfragen.

1620 trugen die katholischen Habsburger den Sieg über die abtrünnigen, mehrheitlich protestantischen böhmischen Stände deutscher wie tschechischer Zunge in der Schlacht am Weißen Berg davon. Mit der „Verneuerten Landesordnung“ von 1627 verloren die böhmischen Länder einen Gutteil ihrer Selbstständigkeit, die tschechische Sprache wurde gegenüber der Deutschen zweitrangig. 1752 vereinigte Maria Theresia die böhmische und österreichische Staatskanzlei in Wien. Die böhmischen und österreichischen Länder bildeten bis 1918 eine politische und wirtschaftliche Einheit.

  

Die Entstehung der Nation

„Kaiserbecher“ zum 50. Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Josef, 1898. Foto: Foto Henk, Stockerau

Im 19. Jahrhundert waren Modernisierung, Demokratisierung und Industrialisierung mit der Entstehung moderner Nationen verbunden. Die Menschen waren räumlich wie sozial mobiler, zogen in die Städte, erlernten neue Berufe: Schulbildung verdrängte die tradierten Kenntnisse, Zeitungen und Buch ersetzten die mündliche Wissensvermittlung, die politische Teilnahme wurde auf immer größere Bevölkerungsgruppen ausgedehnt. Zugleich verschwanden die realen und emotionalen Sicherheiten von Dorf, Familie und Religion. Die Nation bot sich als neues Gesellschaftsmodell an. Sie baute zwar auf vormodernen Ethnien und Sprachen auf, gab diesen aber einen neuen Bedeutungsinhalt. In mehrsprachigen und multiethnischen Ländern kam es zu Problemen. In Böhmen und Mähren führte die ethnische und sprachliche Teilung zur Herausbildung zweier nationaler Gemeinschaften. Die deutschen Eliten konnten dabei anfangs auf ihre Vorrangstellung in Verwaltung, Wirtschaft und Bildung bauen, waren aber mit 1/3 gegenüber den 2/3 tschechischen Landes-Bewohnern in der Minderheit. Die Ausgangsbedingungen der tschechischen nationalen „Erwecker“ waren ungünstiger. Die Tschechen emanzipierten sich aber rasch und bildeten am Ende des 19. Jahrhunderts eine Nationalgesellschaft ohne Staat. Der tschechische Nationalismus verstand die gesamten böhmischen Länder mitsamt seiner deutschen Sprachgebiete als sein „Spielfeld“. Der deutsche Nationalismus geriet aufgrund der Minderheitenposition der Deutschen in Böhmen und Mähren in die Defensive und richtete seine Blicke nach Österreich und Deutschland.

Die Monarchie der Habsburger, des „Hauses Österreich“ war kein Nationalstaat, im Gegenteil: Sie umfasste zwölf Nationen mit verschieden Sprachen: Deutschösterreicher, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Polen und Ruthenen (Ukrainer), Rumänen, Serben, Slowenen, Kroaten, Bosnier, Italiener.

Während die Ungarn im „Ausgleich“ von 1867 ihren eigenen Staat (auf Kosten der dort lebenden anderen Nationalitäten) erhielten, blieb dieser den Tschechen verwehrt. In Mähren gelang 1905 ein innerer Ausgleich zwischen den beiden Sprachgruppen.

Der verlorene Weltkrieg führte 1918 zum Zerfall der Monarchie. Das übernationale wurde durch das nationalstaatliche Prinzip ersetzt. In den Friedensverträgen, die 1919 in St. Germain in Frankreich unterzeichnet wurden, kam es zur Bildung neuer selbständiger Staaten in Mitteleuropa, die de facto wieder Nationalitätenstaaten waren. Die Tschechoslowakei verstand sich primär als Staat der aus Tschechen und Slowaken gebildeten „tschechoslowakischen Nation“. Die etwa drei Millionen Deutschen wurden zur nationalen Minderheit. International garantierte Minderheitenreche sollten für deren Schutz sorgen. Der Wunsch des neuen Staates Deutsch-Österreich nach Eingliederung aller mehrheitlich deutschsprachiger Gebiete blieb Illusion. Die Tschechoslowakei (ČSR) galt als Sieger, (Deutsch-)Österreich als Verlierer des Weltkriegs.

(Text von Brigitta Appel und Niklas Perzi)