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Muschau

Wappen

Ortsmitte mit der Kirche des hl. Leonhard

Statue in Muschau

Ortsmitte von Muschau

Dorfmitte von Muschau mit Schule

Das Überflutete Muschau heute

Tschechischer Name: Mušov

Fläche: 1.365 ha

Einwohner 1910: 742 in 121 Häusern (729 dt. Ew.), 1930: 730 in 152 Hs. (667 dt. Ew.), 1961: 601.

heutige Gemeindezugehörigkeit: Pasohlávky (Weißstätten)

heutiger Verwaltungsbezirk: Brno-venkov (Brünn-Land)

Matriken: seit 1761.

Grundbücher: seit 1759.

Lage:

Die Marktgemeinde Muschau lag 179 m über dem Meeresspiegel, inmitten von Wiesen, Wäldern und Auen unmittelbar an der Thaya zwölf Kilometer nördlich von Nikolsburg (Mikulov). Nach der Überflutung im Zuge der Errichtung eines Stausees in den 1970er Jahren ist der Ort heute eine Wüstung und liegt im Thaya-Stausee von Nové Mlýny (Neumühl).

Geschichte:

Die erste urkundliche Nennung erfolgte 1237 als zur Herrschaft von Dürnholz (Drnholec) gehörig mit einer Kapelle.
Muschau war Sitz einer alten Straßenmaut, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgelöst wurde.

Die Ortschaft war seit 1249 Liechtensteiner Besitz (was 1332 nochmals beurkundet wurde) und wurde 1364 mit Pfarre, Maut und Gericht genannt. 1414 wurden besondere Fischereirechte im Urbar verzeichnet. Während der Hussitenkriege war der sogenannte Taborgraben ein wichtiger Schutz für den Ort. Dabei handelte es sich um einen 250 m langen Ringwall, dessen Ursprünge wahrscheinlich frühgeschichtlich sind sich jedoch nicht mehr nachweisen lassen.

1560 wurde Muschau von den Liechtensteinern an Ladislaus von Kereczeny und Kaniafeld verkaufen. Dessen Sohn erhob Muschau um 1570 zum Markt. Im 16. Jahrhundert gab es eine Täufergemeinde in Muschau. Die Pfarre war zu dieser Zeit evangelisch. Muschau ging im Jahr 1575 als Bestandteil der Herrschaft Nikolsburg (Mikulov) durch Kauf an Adam Dietrichstein.
Sieben Jahre später wurde die Kirche vom Olmützer Bischof Stanislaus Pavlovský von Pavlovitz neu geweiht, wobei 161 Menschen wieder zum katholischen Glauben übergetreten sein sollen. Im Jahr 1609 erhielt Muschau ein eigenes Wein- und Bergrecht.

Durch den Bau der Kaiserstraße im Jahr 1754 nahm die Wirtschaft einen beträchtlichen Aufschwung und im Überschwemmungsgebiet wurden zahlreiche Ziegelbrücken errichtet. Weiters musste das Problem der Überschwemmungen gelöst werden, die bei den Stauungen am Zusammenfluss von Thaya, Schwarza und Igel entstanden. Aber erst die Thayaregulierung im Jahr 1890 brachte vorerst Abhilfe.
1804 brannte fast der ganze Ort nieder. 1831, 1850 und 1866 wurde Muschau von Choleraepidemien heimgesucht.

Durch die Einrichtung politischer Bezirke um 1850 gelangte Muschau zum Bezirk Nikolsburg (Mikulov).

Am 16. April 1945 kam es zur Evakuierung der Zivilbevölkerung vor den russischen Truppen. Einen Tag später zog ein Teil der Einwohner Richtung Leipertitz (Litobratřice). Der Rest ging zum „Burgstallhügel“ und versteckte sich dort in Kellern. Bereits Anfang Mai kamen die ersten tschechischen „Revolutionsgardisten“ in den Ort und begannen Häuser zu besetzen. Als die flüchtenden Muschauer von den vormarschierenden Russen überholt worden waren zogen sie wieder nach Muschau zurück.

Vertreibung 1945/46:
Viele von den zurückgekehrten Muschauern wurden von den tschechischen Kommandos in Lager transportiert und mussten dort Zwangsarbeit verrichten. Am 21. August mussten alle deutschen Einwohner unter der Bewachung von bewaffneten Kommandos nach Nikolsburg (Mikulov) marschieren. Von dort wurden sie über Garschönthal (Úvaly) und Voitelsbrunn (Sedlec) Richtung Österreich vertrieben. Während des Marsches kam es immer wieder zu Gewaltakten. So starb ein Mann an den Folgen von Misshandlung. Fünf Kinder kamen aufgrund der Strapazen bzw. durch Unterernährung um.
129 Familien wurden später nach Deutschland (Baden-Württemberg 91, Bayern 20, Hessen 10, Nordrhein-Westfalen 6, Niedersachsen 2) abgeschoben, 75 blieben in Österreich (Wien 47, Niederösterreich 26, Oberösterreich 2) und drei in Muschau.

1979 musste der Ort einer in großem Stil gebauten Stauseeanlage weichen, um die immer noch häufigen Überschwemmungen endgültig in den Griff zu bekommen. Am 1. Jänner 1980 wurde der Ort offiziell aufgelöst. 1976 ist Muschau noch in den Ort Weißstätten (Pasohlávky) eingemeindet worden. Die Bewohner wurden vor der Flutung nach Pohrlitz (Pohořelice) und Weißstätten (Pasohlávky) umgesiedelt. Der Stausee erstreckt sich von Weißstätten (Pasohlávky) bis Neumühl (Nové Mlýny). Außer einer Kellerzeile am Burgstallhügel und der Kirche, die sich auf einer Insel inmitten des Sees erhebt sowie weiteren drei Inseln ist von Muschau nichts übrig geblieben. Die Kirche gehört heute der Gemeinde Eibis (Ivaň).

Wirtschaft und Infrastruktur:

Landwirtschaft: Haupterwerb waren Acker- und Weinbau sowie Fischerei und Jagd. Angebaut wurden vor allem Gurken (bis zu 30 ha) und Rüben. Ein großer Wald- und Wiesenbestand war vorhanden sodass manche Bewohner umliegender Ortschaften ihren Bedarf an Holz und Heu in Muschau deckten. Um 1900 betrug die Ackerfläche 544 ha, die Wiesen 270 ha und das Waldgebiet 423 ha. Das Weinanbaugebiet machte immerhin noch 25 ha aus.

Gewerbe: florierendes Kleingewerbe, Mühle (die letzte von drei aus dem Mittelalter stammenden Mühlen bis 1889).

Einrichtungen: Schule (1761 gebaut, 1796 restauriert und erweitert, 1831 Neubau, 1883 erweitert, bis 1931 zu insgesamt drei Klassen ausgebaut), Obst- und Gemüsemarkt seit 1928, Autobusverkehr zwischen Nikolsburg (Mikulov) und Brünn (Brno), Postamt (1869), Elektrifizierung 1928, Freiwillige Feuer- und Wasserwehr (1893), Raiffeisenkasse (1896), Fischereigenossenschaft (1902), Milchsammelstelle der Zentralmolkerei in Brünn (Brno) (1901).

Kulturerbe:

Pfarrkirche St. Leonhard: geht auf ein romanisches Kirchlein aus der ersten Hälfte des 13. Jh. zurück, dessen Reste bei einer von J. Unger 1977 durchgeführten archäologischen Untersuchung festgestellt wurden. Die romanische Kirche mit einem quadratischen Chor und Innenmaßen von 9,5 m x 4 m blieb nur in der Süd- und Westmauer erhalten, während von den übrigen Teilen des Baues nur die Fundamente gefunden wurden. Von einem an der Westseite angebauten romanischen Turm blieben auch nur die Fundamente. Diese Kirche wurde später mit Palisaden und Gräben als Wehrkirche ausgebaut. In einer zweiten Bauphase wurde das Kirchenschiff auf 8,5 m x 9,5 m erweitert, das Presbyterium (6 x 5 m) durch einen Triumphbogen abgeteilt und eine Sakristei angebaut. An der Südseite der Kirche entdeckte man ein vermauertes romanisches Tor mit einer abgebildeten „Gotteshand“ auf dem Tympanon und zwei romanische Fenster. Durch die Stauung der Thaya 1979 befindet sich die Kirche heute auf einer Insel im Stausee. Sie ist das einzige Gebäude, das vom Ort Muschau noch übrig ist. Der Altar wurde zuvor in die Kirche Mariä Himmelfahrt nach Černvír (Tschernwir) transportiert.

Mirkluskapelle von 1847/48.

Rinderkapelle von 1891.

Florian- und Nepomukstatue von Ignaz Lengelacher.

Viele weitere Bildstöcke und Kreuze in der Umgebung.

Archäologische Funde: Bei der Anlage des Sees wurden auf Muschauer Gemeindegebiet zahlreiche Siedlungsplätze aus prähistorischer Zeit bis ins Mittelalter entdeckt. Die bekannteste Entdeckung ist die „Königsgruft“ oder das „Königsgrab von Muschau“ an der Thaya zwischen Weißstätten und Muschau, die bei Grabungen 1988 gemacht wurde. Es handelt sich dabei wohl um das Grab eines markomannischen Fürsten, vermutlich ein Vasall des Römischen Reiches, mit einzigartigen Grabbeigaben.
Weiters konnten zwischen 1926 und 1928 auf der Anhöhe „Burgstall“ (224 m), nordwestlich des Ortes, die Reste einer römischen Militärstation aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. freigelegt werden. Es handelt sich um die einzige bisher auf tschechischem Staatsgebiet entdeckte römische Niederlassung, die unter der Regierung des römischen Kaisers Marc Aurel von den Angehörigen der X. römischen Legion erbaut wurde.

Siegel:

Mit der Markterhebung erhielt Muschau auch das Siegelrecht. Das älteste nachgewiesene Siegel aus dem Jahr 1583 zeigt in der Umschrift „SIGILLVM MUSCHAV“ einen Renaissanceschild mit einem Boot aus dem ein Eichenzweig wächst. Es symbolisiert die Bedeutung der Wald- und Fischereirechte.

Literatur:

heimatkundliche Literatur:

  • Josef Freising: Ortsgeschichte von Muschau 1934, Neuauflage, 1991
  • Emil Kordiovsky: Mušov, 2000

zur Archäologie:

  • Jaroslav Tejral, Jaroslav Peška: Das germanische Königsgrab von Mušov in Mähren. (Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 55). Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2002

Weblinks:

Genealogie:

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